kulturbetriebe und digitalisierung – ein teufelskreis

auf einladung der schirn war ich mit circa fünfzig anderen personen am donnerstag beim blogger treffen MEET UP. TWEET UP. KOONS UP. – ein veranstaltungsformat, das die schirn zum ersten mal ausprobierte.

herzlich in empfang genommen und mit ausstellungskatalog (der ist jetzt leider doppelt zu hause), pressemappe sowie namensschild ausgerüstet, startete die veranstaltung mit einem kurzen intro und dem impulsvortrag von mercedes bunz. diese beleuchtete mit interessanten praxisbeispielen die auswirkungen der digitalisierung auf den kunstbetrieb. hängen blieb der blog le petit echo malade, dessen persiflagen auf bestehende blogs fast selbst schon wie ein kunstwerk wirken. auch die digitalen lösungen insbesondere des tate in london gaben zumindest ein blitzlicht auf das, was menschen, die in der kunstszene arbeiten, als transformationsprozess nun bewältigen müssen.

matthias planitzer von castor und pollux versuchte anhand einiger zahlenbeispiele und erfahrungsberichte das thema der relevanz von digitalen medien näher zu beleuchten. im anschluss gaben luise bachmann und fabian famulok einblicke in die durchaus beeindruckenden marketing- und redaktionstätigkeiten der schirn/des schirn-magazins.

schon bei den fragerunden während und nach den impulsvorträgen, die beide den versuch unternahmen, den kontext von digitalen medien und dem kunstbetrieb näher zu beleuchten, wurde klar, dass mit dem sehr heterogene publikum unglaublich viele themen zu diskutieren gewesen wären. einer der aufhänger war das verbot vieler museen, fotos in ausstellungen zu machen. blogger jedoch dürfen, wenn sie vorher eine anfrage stellen (oder teil einer gruppe wie heute sind), fotos machen und müssen nicht auf die – dankenswerterweise immer öfter bereitgestellten – pressefotos für ihre eigene berichterstattung ausweichen. mir persönlich stellte sich die frage, ob blogger die besseren privatbesucher sind, die eben nicht in ausstellungen fotografieren dürfen. einzelne wortmeldungen aus der bloggerschar liessen auch hier den eindruck aufkommen, dass eine gewisse wertigkeit selbst unter den bloggern als differenzierungsmerkmal vorherrschen würde. schätzungsweise 80 prozent der anwesenden waren nicht-kommerzielle blogger, die frage nach dem kunstgeschichte- oder kulturmanagement-studium wurde dankenswerterweise nicht weiter vertieft obwohl initiiert.

aus den diskussionen auch mit anderen teilnehmern wurde eines für mich persönlich sehr schnell klar: der kulturbetrieb steht – ähnlich wie kommerzielle firmen – vor der herausforderung, lösungen auf den fundamentalen wandel des konsumentenverhaltens als folge der digitialisierung zu finden. social media ist ein erster meilenstein, in dem kommunikationsführerschaft demokratisiert wird. vermeindliche führerschaft – vormals in 1:N-informationsverbreitungen durch institutionen operativ ausgeführt – verpufft aber mehr und mehr hinsichtlich der relevanz. jeder hat eine stimme und kann diese (digital) erheben, die relevanz schafft sein umfeld. früher wurden die pressevertreter geladen, die artikel für grosse zeitungen schrieben und die eine ausstellungen nicht „zerreissen“ sollten. analogien zeigten sich heute, als pressemappen ausgeteilt wurden. durch die demokratisierung infolge der digitalisierung ist aber jeder (interessierte) wichtig, da dieser einfluss nehmen kann. ein erster schritt auch für die kulturbetriebe wäre es, zu analysieren, wer über sie spricht und mit diesen (multiplikatoren) den dialog zu suchen. dies erfolgte wohl heute in der veranstaltung, was ein erster guter schritt war. jeden einzelnen aber da abzuholen, wo er in den dialog eintreten will und interesse für ausstellungen zu schaffen, auf die kulturbetriebe angewiesen sind (besucher nämlich), ist ein unterfangen, das ressourcen bindet. mit dieser problematik sehen sich ebenfalls kommerzielle firmen konfrontiert, die in einer business case-erstellung zu erst nach einem ROI fragen. social media und die digitalisierung erfordern hier ein umdenken sowohl von firmen wie auch von kulturbetrieben: plattformen müssen etabliert werden, die möglichst viele für den dialog begeistern und relevanz multiplizieren.

durch die anschliessende führung des teils der ausstellung in der schirn, bei der es um die gemälde von jeff koons ging, gab matthias ulrich wertvolle insights zu den werken, dinge, die man als nur kunstinteressierter eben nicht weiss und die kunst als konsument hin und wieder eben noch als etwas undurchdringliches erscheinen lassen, was nur einem elitären kreis zugänglich ist. an der anschliessenden führung im liebieghaus, welches zeitleich als tweet-up veranstaltung konzipiert war, konnte ich leider nicht mehr teilnehmen, werde mir die ausstellung der skulpturen aber separat noch einmal anschauen.

20120726frankfurt_030bearbeitet

vielen dank an die organisatoren, die in der konzeption der veranstaltung in die richtige richtung gegangen sind, vermutlich sich aber auch gewundert haben müssen, welche systemische transformation mit der auseinandersetzung der digitalisierung einhergeht. sie haben ihre sache richtig gut gemacht und ich würde mir wünschen, dass sie die zeichen der zeit erkennen, dass jeder einzelne besucher ein wichtiger ist, weil er schnell zum meinungsbildner werden kann … und dann sollte man auch ihm das fotografieren in ausstellungen ermöglichen! ;-)

die twitternachrichten zu der veranstaltung gibt es hier, weitere zum kult-up hier.

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